Der Hermann leuchtet 9.0

Es wiederholt sich jedes Jahr: Eine Bronzefigur auf einem Berg bei Detmold, die vage an eine real-live-Version von Asterix erinnert, wird mit bunten Lichtern angestrahlt und ich muss mich fast zwanghaft dorthin begeben. Wenn ich dort bin, komme ich mir vor wie in meiner eigenen Fassung von „Und täglich grüßt das Murmeltier“, mit dem einen Unterschied, dass ich jedesmal eine andere Kamera dabei habe. Ob ich die Zeitschleife jemals durchbreche, wird sich erst in den nächsten Jahren herausstellen.

Der größte variable Faktor dort ist eigentlich das Wetter. Von lauen Nächten, arktischen Winden, Schneegestöber oder letztes Jahr Dauerregen (ein echter Härtetest für die Q3) war schon alles dabei. Diesmal war es recht unspektakulär zwar kühl, aber windstill, weshalb der künstliche Nebel um so effektvoller am Denkmal hängenblieb.

Hermann
Das Hermanns-Denkmal, eigentlich ein Sinnbild für „alternative Fakten“ des 19. Jahrhunderts. Panorama aus vier DNG’s, um den Bildwinkel eines 28mm-Objektivs zu erreichen. Leica Q3 43 bei f/2 1/80s ISO 1250
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Die erste Reihe – Warten auf die Show. Leica Q3 43 bei f/2 1/80s ISO 10.000

Ich war nach meinem Arbeitstag schon ein bisschen „platt“ und meine Motivation, irgendwas kompliziertes (z.B. mit analogen Kameras) zu machen, strebte gegen Null. Der Weg des geringsten Widerstandes war offensichtlich, sich die Q3 43 zu greifen. Im Verhältnis zum Grad der erreichten Bildqualität kann man kaum leichter unterwegs sein. Was nicht heisst, dass dafür nicht auch andere Kameras in gleicher Weise geeignet sind, bloss die habe ich nicht. Jedenfalls war ich froh, mich weder mit dicker Fototasche noch mit Stativ belasten zu müssen, wie einige, die ich dort sah (das dürfen die gerne, des Menschen Wille ist nämlich sein Himmelreich).

Die Show war gut, wie immer. Das klingt jetzt im Verhältnis zum Aufwand, der dafür getrieben werden muss, vielleicht etwas undankbar. Monatelange Vorbereitungen, Programmierung der Lasershow, kilometerweise verlegte Kabel und die Logistik dahinter verdienen Anerkennung. Und wenn das Spektakel nicht sehenswert wäre, würde ich wohl kaum fast kompulsiv immer wieder dahin fahren. Zum anderen gibt es einen gewissen sportlichen Gedanken, denn die Lichtbedingungen stellen eine Herausforderung dar, der die verwendete Kamera (und der Fotograf) auch gerecht werden muss. Wobei jedes Q-Modell bisher die pflegeleichteste Option von meinen Geräten war.

Hermann
Leica Q3 43 bei f/2 1/30s ISO 400

Alternative Fakten im 19. Jahrhundert

Eines war neu in diesem Jahr: Teile der Lasershow waren KI-generiert (was nicht groß auffiel, aber Arbeit spart). Ebenso gab es einen durch KI erstellten Text, der beim Videomapping zu hören war. Selbst die Stimme war KI-generiert, ein weicher Bariton mit dem Tonfall einer Dauerwerbesendung gab einen Haufen Plattitüden über das Denkmal von sich. Sinnfreies Geschwafel über Symbolismus der Zielstrebigkeit, Einigkeit und eine Erinnerung „an eines der wichtigsten Ereignisse der deutschen Geschichte“, eine „großartige architektonische Leistung“ und allerlei solches Zeug, das eher von einem Chatbot für Glückskeks-Weisheiten stammen könnte.

Hermann
Videomapping: Die Varusschlacht als „wichtiges Ereignis der deutschen Geschichte“. Sicher, wer würde nicht Typen zurückschlagen wollen, die mit sich Wissen um Hygiene, sanitären Städtebau und Architektur, eine funktionierende Schriftsprache und ein Rechtssystem brachten. Hätten die Römer Germanien eingenommen, wären nur die germanischen Feudalherren, die 1%er, die Verlierer gewesen und man denke ausserdem an die Hinterlassenschaft von heute touristisch attraktiven Ruinen. Leica Q3 43 bei f/2 1/8s ISO 400

Und obwohl ich auf dieser Webseite tunlichst bei fotografischen Themen bleiben möchte (und auch dafür sorgen werde, dass es so bleibt) muss ich eines loswerden: Im Verlauf dieser Ansprache war ich zunehmend angefressen. Kein Wort über die problematische Ideologie von Nationalismus und Deutschtum oder die Verklärung der Geschichte, die hinter der Existenz des Denkmals stehen und ultimativ auf den Schlachtfeldern der Weltkriege endete. Alternative Fakten sind eben keine neuzeitliche Erfindung: Arminius (Hermann) war ebensowenig idealistischer Freiheitskämpfer wie Norman Bates ein übermotivierter Altenpfleger.

Hermann
Inferno…oder alternative Fakten: Vielleicht ist die Hölle doch nur eine Sauna. Leica Q3 43 bei f/2 1/30s ISO 400

„Wer seine Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen“ (George Santayana). Aber Amnesie in der Hinsicht scheint ein globales Problem zu sein.

Als ich probeweise bei ChatGPT eingab: „Ideologische Hintergründe des Hermanns-Denkmals“, kam dabei eine historisch akkurate Einordnung heraus. Ein bisschen mehr davon hätte dem KI-Text gut getan und das ist eine verpasste Gelegenheit. Das tut ja schliesslich der Sache keinen Abbruch, dass man das Denkmal heute als beliebtes Ausflugsziel hypen kann. Sollte man in der Gegend sein, lohnt sich ein Besuch, am besten als „double-feature“ mit den Externsteinen.

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Rapide wechselnde Lichtverhältnisse. Leica Q3 43 bei f/2 1/30s ISO 400

Technisches

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Tech-Talk zwischen den Shows. Leica Q3 43 bei f/2 1/80s ISO 1000

Die Lichtintensität bei der Lasershow kann stark variieren, deshalb ist es ratsam, voll manuell zu fahren. Zeit- oder ISO-Automatik wäre beim rapiden Ablauf der wechselnden Helligkeit meist zu träge. Wenn man auslöst, können schon wieder andere Lichtbedingungen sein. Anders als bei einem Feuerwerk, wo es sinnvoll ist, bei Blende f/5.6 bis f/8 mehrere Sekunden zu belichten, käme in der Zeitspanne bei der Lasershow viel zu viel übereinander. Da ist es besser, ein lichtstarkes Objektiv weit offen zu benutzen und die Belichtungszeit so um die 1/30s zu wählen. Bei der Q3 43 liess ich die Blende offen (f2), stellte 1/8, 1/15 oder 1/30s ein. ISO braucht bei den Lichtmengen nicht hoch zu sein, 400-800 reicht völlig.

Und Lichtmenge: Ich glaube, man ist gut beraten, es mit dem fotografieren von Lasershows nicht zu übertreiben. Ebenso, wie man eine Kamera besser nicht  lange gegen die Sonne richtet, sollte man direkten Einfall von Laserlicht begrenzen. Die Showlaser sind grundsätzlich nicht problematisch (sonst wären sie auch eine Gefahr für die Augen der Zuschauer), aber wie es heisst, „better safe than sorry“. Fällt ein Laserstrahl direkt in die Linse, kommt es zu interessanten Reflexionen, die man vielleicht als spezielle Form von Flare betrachten kann.

Bei früheren Q’s hatte ich den Autofokus bei solchen Anlässen manchmal abgeschaltet, weil er „jagte“, das war bei der Q3 43 kein Problem. Auch wieder „nice to have“: Das Klappdisplay, um über die Köpfe hinweg zu fotografieren.

Über die Brennweite musste ich gar nicht nachdenken. Ich stand etwas weiter weg als vorher mit 28mm, eigentlich eine gute Perspektive mit weniger Tendenz zu fallenden Linien. Wenn genug Zeit ist und Weite gebraucht wird, hat sich der Workaround mit ein paar Fotos in vertikaler Position bewährt, die man in Lightroom stitcht. Schon hat man einen 21- oder 28mm-Bildwinkel.

Hermann
Leica Q3 43 bei f/2 1/30s ISO 800

Fazit

Wer’s bunt mag, kommt bei so einer Show auf seine Kosten. Eigentlich braucht man kein Riesen-Equipment, eine halbwegs gute Kamera (vielleicht mit Bildstabilisierung) und lichtstarke Festbrennweite reichen. Stativ ist dann optional, ich würde mich damit nicht belasten. Aber bitte… jeder nach seiner Façon.

Hermann
Handy: Für die meisten das Mittel der Wahl. Leica Q3 43 bei f/2 1/80s ISO 2500

Und freilich hat die Mehrzahl der Besucher Bilder oder Videos mit dem Handy gemacht, warum auch nicht.

Zuhause fütterte ich die DNG’s in LR und freute mich über die Bildqualität, ohne dass allzu viel Zeit bei der Bildbearbeitung draufging. Farbraum Adobe Standard, Helligkeit, Highlights/Tiefen leicht nachreguliert (nur globale Änderungen), meist vom vorherigen Bild übernommen erfordern nur ein paar Sekunden.

Und wer weiss: Vielleicht brauche ich ja nächstes Jahr mal nicht hinzufahren. Aber versprechen kann ich das nicht.

2 Kommentare

  1. Lieber Claus.
    Danke für Dein klares Statement. Ich glaube, man gar nicht unpolitisch sein, wenn man einen inneren Antrieb hat zu gestalten.
    Was KI betrifft- ich werde es möglichst aus meinem Leben fernhalten. Wo immer es geht. Für mich persönlich hat so eine Veranstaltung, mit KI konzipert, ihren Reiz verloren. Dann gucke ich doch lieber einem Feuerschlucker zu 🙂
    Aber mit den Bildern hast Du Dich einmal mehr übertroffen.
    Herzlicher Gruß aus dem Norden.

    • Claus Sassenberg

      Lieber Kai,

      vielen Dank für dein Kompliment zu den Bildern. Ich empfinde die mehr wie „business as usual“, nichts Besonderes, die Kamera gibt’s halt her. Als ich gestern den 5-Jahre-Lockdown Blog-Beitrag fertig machte, habe ich eine Menge analoger Bilder gesichtet, und die sind mir deutlich mehr wert. Weshalb ich mir jetzt vorgenommen habe, in nächster Zeit wieder verstärkt zur Leica fIII, M4 oder M6 zu greifen, vielleicht sogar mal wieder Mittelformat mit der Plaubel Makina 67 (die mir total liegt).
      Und KI: Ich weiss, was du meinst und verstehe das ähnlich. Andererseits kann man KI für seine Zwecke benutzen, manches wird leichter, wenn man es richtig dosiert.

      Viele Grüße, Claus

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